Sehnsucht nach Neuausrichtung
Jahreswechsel. Ich fahre mit der Co-Therapeutin aufs Land. Nur sie und ich in einer kleinen Hütte, geborgen zwischen Seen, Wiesen und Wäldern. Ein Nachbar mit drei Hunden, sonst niemand. Ich suche diesen Ort auf, weil ich mich nach Ruhe sehne, nach Lauschen und Sortieren – nach einer Neuausrichtung meines inneren Kompasses für das neue Jahr, beruflich wie persönlich.
Von der Hütte blicke ich über eine schneebedeckte Wiese hinab auf den zugefrorenen See. Doch so sehr der Blick auf den See zur Ruhe einlädt, so wenig will sie sich in mir einstellen. Was war 2025 bloß für ein Jahr? Trotz der schönen Momente war es geprägt von Druck, Erschöpfung und Trauer. Es ist gut, dass es nun geht.
Widerstand gegen die Stille
Auf den ersten Spaziergängen mit der Co-Therapeutin sind meine Gedanken noch laut. In meinem Kopf sind unzählige „Tabs“ offen; ich führe Selbstgespräche und will das Unerledigte noch erledigen. Von der Landschaft bekomme ich kaum etwas mit, nur die Bewegung und die kühle Luft tun mir gut. Ich weiß rational, dass wahre Ruhe nicht am Ende einer To-do-Liste wartet. Wenn ich nur abarbeite, bleibt kein Raum für innere Ruhe und Klarheit. Doch ein Teil von mir klammert sich an die gewohnte Sicherheit der Aktivität – ein Versuch, die Kontrolle über das Chaos zurückzugewinnen.
Ein anderer Teil sehnt sich nach Ruhe und Klarheit. Was aber finde ich, wenn ich wirklich zur Ruhe komme? Hier draußen gibt es keinen Schutzraum aus Terminen. Ich versuche zu lesen, doch die Worte gleiten an mir ab. Das Scrollen durch Social Media verstärkt nur den inneren Lärm. So sitze ich auf dem Sofa, beobachte die Vögel vor dem Fenster und spüre die bebende Unruhe einer Getriebenen, die verlernt hat, einfach nur zu sein. Schließlich rolle ich die Yogamatte aus, um die Unruhe nicht länger zu bekämpfen, sondern sie Schicht für Schicht durch sanfte Bewegung durchzuarbeiten.
Rhythmus auf vier Pfoten
Am zweiten Tag gestatte ich mir den Morgen am Rechner – mit Kaffee im Bett, ich liebe es. Die Co-Therapeutin begrenzt meine Arbeitswut, indem sie unmissverständlich zum Aufbruch drängt. Wir ziehen drei Stunden durch die Winterlandschaft. Danach schläft sie, fordert später wieder den Gang nach draußen ein, bis sie schließlich in ihre abendliche Ruhephase sinkt.
Langsam beginne ich, mich diesem natürlichen Rhythmus meiner Hündin zu überlassen. Ihr Rhythmus bricht meine starre Struktur auf und wird zu meinem Takt, der mich durch die Tage trägt. In der stillen Natur finde ich den Weg aus dem Kopf zurück in das Spüren. Ich bin im Hier und Jetzt, lausche dem Wald und genieße die Kälte auf der Haut.
Vom Tun zum Sein
In ihren Schlafphasen arbeite ich anfangs noch – ich kann nicht anders. Manchmal entsteht inne Ruhe eben erst dadurch, dass das Unerledigte seinen Platz findet. Doch mit der Zeit werden ihre Ruhephasen zu meinen Reflexionsphasen. Ich schreibe, meditiere, lausche in mich hinein. In dieser wohltuenden Gleichförmigkeit der Tage sickert die Stille im Außen langsam in mich hinein. Der aufgewirbelte Staub des Jahres setzt sich. Statt alles gleichzeitig festzuhalten, lerne ich wieder, mich dem Moment zu überlassen. Sein statt Tun.
Mein innerer Kompass findet langsam wieder seinen Norden. Die Antworten, die ich gleichermaßen gesucht und gefürchtet habe, kommen nicht laut oder spektakulär. Sie zeigen sich leise in der Klarheit der kalten Luft und in dem, was hinter meinen Gedanken liegt. Ich bleibe einen Tag länger als geplant. Ich will mich noch nicht lösen, noch nicht zurück in den Alltag. Ein Teil dieser Klarheit soll bleiben.
Ein Anker für das neue Jahr
Bevor ich schließlich gehe, blicke ich noch einmal auf die Wiese vor der Hütte. Die Sonne scheint vom anderen Ufer in mein Gesicht, der Schnee glitzert. Da ist Frieden. Ein Lächeln breitet sich in mir aus – auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe. Alles in mir ist so still wie diese zauberhafte Winterlandschaft. Ich präge mir das Bild fest ein. Jetzt kann ich gehen.